Es ist bestürzend und bedrückend in so vielerlei Hinsicht, dieses Buch zu lesen.
Die Einsicht in die Grausamkeiten, die Inkompetenz und die Lügen des Systems, in den Vorsatz, den Betrug ... diese menschlichen Abgründe..
... ich versteige mich in der Aufzählung von Synonymen, wenn ich versuche, zu fassen, was ich sagen will ...
Jedenfalls: Die Einsicht in dieses System bestätigt einen in negativen Ansichten über militärische Hierarchien und in in Deutschland in den letzten Zehn Jahren massiv kultivierten antiamerikanischen Ressentiments. Sie ist wichtig, spannend und entwaffnend, da gleichzeitig auch mit einfachen Vorurteilen, die die mediale Behandlung der Bilder aus
Abu Ghraib haben aufkommen lassen, aufgeräumt wird.
Philip Gourevitch und Errol Morris dokumentieren die Menschlichkeit in der Unmenschlichkeit. Und wenn auch offen gelassen wird, welche Darstellung der verschiedenen Akteure nun richtig oder vielleicht auch falsch ist - letzten Endes wird sich die objektive
Version der Wahrheit eh nie rekonstruieren lassen - so ist das Buch doch gleichzeitig durchzogen von dem einem Urteil:
It would have been outrageous, of course, if the overseers of America's biggest MI operation in Iraq didn't know what was happening with their most valued prisoners. But the complicity, the blind eye and the cover-up, the buck passing and the butt covering, the self-deception and the cowardice, the indiscipline and the incompetence infected every link in the chain of command that ran from the MI block to the Pentagon and the White House - a military bureaucracy that had been politically cowed and corrupted from the top down by civilian masters who had no experience of combat. Later, when the photographs [..] were made public, and America's disgrace was the talk of the world, there would be no end of speculation as to whether a direct link could be found - a document or trail of documents, some undeniable evidence - tying the scenes in those pictures directly to those top civilians, the president, the vice president, the secretary of defense. This supposedly missing link was spoken of as the "smoking gun." But it wasn't missing; it was right there in front of us. Abu Ghraib was the smoking gun.
Philip Gourevitch and Errol Morris: Standard Operating Procedure - A War StoryDas System und die Administration ist darauf ausgelegt, genau diese Dinge zuzulassen. Wen wundert das auch, wenn doch so offensichtlich klar ist, dass sich die Spitze der Macht-Pyramide das Recht und die Handlungsanweisungen genau so zurecht gelegt hat, dass nach oben hin nie eindeutige Schuld nachgewiesen werden kann. Verantwortlich für die Ausführung der schwammigen und impliziten Anweisungen waren letzendlich die Handlanger, das Kanonenfutter, die armen Schweine, die dumm oder verzweifelt genug waren, in der Hierarchie ganz unten zu stehen. Nein, nicht ganz unten. Sondern genau eine Stufe über den Internierten.
Aber so funktioniert das System von Kriegsverbrechern wohl.
Das Mindeste wäre Impeachment, also ein Amtsenthebungsverfahren, gewesen. Dieses System müsste zur Verantwortung gezogen werden. Doch
Standard Operating Procedure lässt erahnen, wie verzahnt, wie Krebs-artig sich diese Verantwortung durch das weiterhin bestehende System, durch das ganze Land - und
die ganze Welt - zieht.
PS: Das besprochene Buch ist anscheinend das um Kommentare erweiterte Transkript des
gleichnamigen Films.