Drei Wochen mit dem Kindle 3 Mon, Jan 17. 2011
Ich muss vorwegschicken: ein Viel-Leser von Literatur bin ich nicht gerade.oO(jetzt stöhnt nicht gleich auf!). Ich lese Fachliteratur, einige Zeitungen, Zeitschriften und… "das Internet".
Informiert hatte ich mich nicht besonders, von einer Bekannten, die sich einen Kindle 2 besorgt hatte, hatte ich nur gehört, der Kindle 3 habe derzeit das beste e-Ink-Display.
Wer noch nicht weiß, was ein Kindle ist und was er für fancy Features hat, darf jetzt runterscrollen und nachschauen.
Papers!
Wenn man so die Blogs liest, ging es wohl noch anderen genau so: Ich wollte den Kindle gern haben, um wissenschaftliche Aufsätze und Texte zu lesen, die ich als Infot praktisch ausschließlich digital, genauer gesagt größtenteils als PDF, bekomme. Am Bildschirm zu lesen empfinde ich zwar nicht als so schrecklich, dass ich mir alles ausdrucken müsste, dennoch finde ich es sehr angenehm, vom e Ink-Display zu lesen.
Außerdem lässt sich der Kindle eher auch mal im Bus und in der Bahn auspacken als ein Notebook.
PDF-Darstellung
Leider ist die PDF-Darstellung dann auch gleich schon ein großes Manko, denn aus irgend einem Grund ist diese nicht besonders gut ausgeführt.
Wird ein A4-PDF mit Fließtext in etwa der gängigen 12pt-Schriftgröße als ganze Seite auf dem Bildschirm dargestellt, so ist der Text für mich noch gerade lesbar. Ich kann aber auch noch relativ kleine Schrift lesen. Es stehen mir jetzt die Vergrößerungsmodi 150%, 200%, 300% und "actual size" zur Verfügung.
Fließt der Text über die gesamte Breite der Seite, muss ich bei 150% etwa immer zwischen zwei Spalten hin- und herspringen. Bei 300% kann ich nicht etwa einfach über die Seite scrollen (wie beispielsweise im mitgelieferten WebKit-Browser) sondern nur Spaltenweise. Sollte dabei am Anfang der Zeile etwa immer ein paar Zeichen fehlen, bin ich gezwungen, zwischen den beiden Schritten hin- und her zu wechseln.
Immerhin lässt sich der Bildschirm in 90°-Schritten rotieren, allerdings nur manuell und nicht mittels Lagesensor.
Für PDFs steht die Möglichkeit, wie im Browser (s.u.) in einen "Article Mode" zu springen, leider nicht zur Verfügung, obwohl die meisten PDFs den Text auch als Fließtext zur Verfügung stellen könnten.
Browser
Der Browser hat es mir angetan. Ich finde den wunderbar und finde es sehr angenehm, damit zu Blogs, die Wikipedia etc. zu lesen.Wie schon oben erwähnt, gibt es die Möglichkeit, in den "Article Mode" zu springen, bei dem auf die normale Seitendarstellung verzichtet wird und nur der Text als Fließtext dargestellt wird, d.h. er wird auch auf die Seitengröße umgebrochen.
eine eigene E-Mail-Adresse
Jedem Kindle ist, wenn er mit einem Amazon-Konto verbunden ist, eine E-Mail-Adresse zugewiesen. Strikt, über eine Whitelist dürfen darauf nur bekannte E-Mail-Adressen (bzw. Hosts) Dokumente senden.
Amazon nennt es dann Whispernet, wenn sie einem Bücher und Dokumente auf alle angeschlossenen Geräte und Plattformen (es gibt auch Kindle-Software für den PC oder beispielsweise Android-Fone) syncen.
Da der Kindle auch HTML-Dateien darstellt, war nur eine gewisse UTF-8-geschuldete Frustration nötig, rss2email zu modifizieren, sodass es mir jetzt Feeds als E-Mail-Attachments zusendet.
Bedienbarkeit
"Ist das kein Touchscreen?" - nein, ist es nicht und ich finde auch nicht, dass es einer sein muss. Es wird nicht alles besser, wenn man ihm einen Touchscreen verpasst. Allerdings ist es wirklich so, dass es für Touch-Verwöhnte eine kurze Umgewöhnung bedeutet, wenn sie den Kindle das erste Mal in der Hand haben.
Steuerkreuz
Das Gerät hat ein Steuerkreuz mit Bestätigungs-Taste in der Mitte (immer eine schlechte Entscheidung, weil "links" dann auch schnell mal "Enter" bedeutet, wenn man abrutscht oder Wurstfinger hat (no offense)).
Das Steuerkreuz steuert aber in den meisten Situationen nicht die Bewegung der Seite. Bei der PDF- oder Web-Darstellung ist dies der Fall, bei allen anderen Texten ist der Kindle aber so konzipiert, dass man nicht scrollt (zeilenweise) sondern (seitenweise) blättert.
Dazu gibt es je links und rechts eine große und eine kleine Taste. Amazon hat beim Design entschieden, dass nicht die linke große Taste zum Blättern nach links und die rechte nach rechts da ist, stattdessen ist sowohl links als auch rechts die große Taste zum Blättern nach rechts, die kleine zum Blättern nach links vorgesehen.
Dass es an beiden Seiten Tasten gibt, hat den Vorteil, dass man den Kindle mit Links oder Rechts halten kann und lesen kann, ohne umzugreifen.
Ob es sinnvoll war, links und rechts die Tasten gleich zu belegen, weiß ich noch nicht. Ich tendiere dazu, es intuitiver zu finden, dass es links nach links und rechts nach rechts geht, die kleine Taste könnte dann in die entgegengesetzte Richtung blättern.
Tastatur
Es gibt eine (ASCII-)vollständige Tastatur, mit der man – mit dem Steuerkreuz navigierend – Notizen in Dokumenten anlegen kann. Mit dem Steuerkreuz lassen sich außerdem Text-Teile markieren und unterstreichen.
Ich tendiere hier dazu, das gut zu finden, denn Amazon zielt hier wohl gerade nicht auf die Leute, die sie eh nicht mehr kriegen, weil sie schon ein iPad o.ä. haben: Jene, die mit T9 oder über ein Touchscreen ihre Eingaben erledigen.
Zum entspannten Tippen eignet sie sich zwar nicht, trotzdem kann man so recht schnell eine kurze Notiz anlegen.
Für Zahlen kann man die oberste Reihe von 10 Tasten kombiniert mit "Alt" als Zahlentasten benutzen, Sonderzeichen erhält man über "Sym" in Verbindung mit Aussuchen-per-Steuerkreuz – aber Umlaute gibt es keine.
Außerdem gibt es eine Home-, eine Back- und eine Menu-Taste. Home führt immer auf die erste Seite des Hauptbildschirms mit der Liste der Dokumente. Back funktioniert als "zurück" aus Menüs/Dokumenten und im Browser wie der gleichnamige Button. Menu… naja.
Bücher
Wer nach "Kindle Hacks" googlet, findet – neben dem obligatorischen Phishing, Malware usw. – auch Hinweise, dass es tatsächlich Webseiten gibt, auf denen es kostenlos und legal Bücher zum Download gibt.
Auch Amazon selbst bietet kostenlose Bücher im Kindle-Format an, beliebte gemeinfreie Literatur kostet aber gern trotzdem noch Geld. Dennoch weisen sie auch auf einer eigenen Seite auf Kostenlose Büchersammlungen hin.
Projekt Gutenberg
Das Projekt Gutenberg dürfte der geneigten LeserInnenschaft geläufig sein, es arbeitet daran, gemeinfreie Literatur zur Verfügung zu stellen und ist vielleicht soetwas wie der Vorläufer von Google Books, nur unkommerziell.Von der Seite freekindlebooks.org gibt es einen Katalog (MagicCatalog), den man sich auf den Kindle laden und von dort aus Bücher direkt herunterladen kann.
Das deutsche Projekt Gutenberg-DE, 1994 gegründet und seit 2002 nach dem Rausschmiss bei AOL von SpOn aufgenommen, ist ähnlich umfassend, es bietet seine Bücher zwar im standardisierten EPUB-Format, jedoch nicht in Amazons Mobipocket-Format an…
Zeitungen und Zeitschriften
Als taz-Genossenschaftler (im Moment allerdings mal wieder nicht-Abonnent) hatte ich mit mir vereinbart, sobald ich den Kindle hätte, würde ich die taz digital abonnieren und damit wenigstens ein bisschen was auch zur Website beisteuern.
Toll ist, dass ich auf alle Formate der jeweiligen Ausgabe zugreifen kann, ich bekomme dann ein PDF/HTML/EPUB/MOBI ohne DRM und kann mich ein bisschen besser fühlen, wenn ich mal wieder die Website gelesen habe aber die Ausgabe nicht gekauft habe. Und für 10 bis 20 € im Monat solltet ihr das auch machen.
So, genug der Werbung.
Wie ich mittlerweile weiß, bleibt das MOBI, das mir die taz bietet, hinter den Möglichkeiten zurück, die der Kindle hat.
Zeitungen und Zeitschriften, die man auf amazon.com echt günstig im digitalen Abo bekommen kann (die TIME für 2,99$/Monat), bieten da schon mehr. So auch Bilder und eine echte Navigation wo die taz nur die nicht-vergrößerbaren Übersichtsseiten und seitenweises Blättern bieten kann. (Wenn man nicht manuell auf den Table of contents springt.)
Ich nehme aber an, da geht noch was.
Star Trek
Alles in allem mag ich dieses Ding wirklich. Vor allem ist es, anders als irgendwelche Pads tatsächlich total Star Trek.
Der Kindle ist ein überallmithinnehmbares Gerät, er ist annehmbar dünn und leicht, das Display ist unempfindlich und eine Aku-Ladung hält trotz aktivem WLAN mehr als zehn Tage.
PlayBoy
Das schlagkräftigste Argument gegen den Kindle ist im Moment noch, wie cheshirecat auf dem Congress feststellte, dass es auf dem Kindle keinen PlayBoy gibt.
Doch der Wikipedia-Artikel zu e Ink macht Hoffnung – im November kündigte der Hersteller an, ein farbiges Display mit 16 Graustufen und 4096 Farben zu entwickeln, das als e Ink-Display in etwa die selben Features haben dürfte: Lesbarkeit bei Umgebungslicht, kein Stromverbrauch für die Darstellung usw.
So ein Gerät würde für die Anzeige von Magazinen und Zeitschriften eine entscheidende Hürde nehmen.
Technik
Mein Kindle ist die kleinste Ausführung. Sie kostet mit Versand aus den USA um die 150,- € und hat WLAN. Es gibt den Kindle auch mit GSM, in Kontinental-Europa macht dies aber nicht besonders viel Sinn. In den USA dagegen hat man darüber die Möglichkeit, kostenlos auf amazon.com zu surfen (und einzukaufen - yay!).
Die kleine Variante hat ein 6 Zoll e Ink-Display, das sind rund 9x12cm.
Außerdem gibt es ihn noch in der teureren Ausführung in A4-Größe.
An Speicher bietet meine Variante rund 3GB Platz, nicht erweiterbar.
Mitgeliefert wird ein Micro-USB-Kabel sowie ein USB-Stromadapter für US-Steckdosen.
Der Kindle lässt sich dann per USB aufladen, er erscheint für den Rechner als Mass Storage Device.
Formate
Amazon kaufte 2005 die französische Firma Mobipocket.com SA auf, deren Mobipocket-Format es bis heute auf dem Kindle verwendet.
Unterstützung für den, laut Wikipedia "freien und offenen" Standard des International Digital Publishing Forum (IDPF), EPUB, bietet der Kindle nicht.
Außerdem sind die Formate HTML, DOC und PDF möglich sowie RTF, JPEG, GIF, PNG, BMP und DOCX ("experimentell").
Amazon
…ist evil, ja.
Amazon löscht einfach so Bücher vom Kindle (Killswitch!).
Amazon hat mal Bücher vom Kindle gelöscht, weil der Publisher nicht die richtigen Rechte hatte. Darunter originellerweise auch 1984 und Animal Farm von George Orwell. Die Kunden haben ihr Geld zurückgekriegt und Amazon ist wohl zwischendurch aufgefallen, dass das keine gute Idee war. Sie haben versprochen, das nicht mehr zu machen sondern in dem Falle die Bücher auf den Devices zu lassen.
Tinfoilhats können den Kindle vermutlich einfach deregistrieren und unter Verzicht auf Whispernet benutzen.
Aber … Wikileaks!
Ja eben: evil.
Lesenswert:
- Joss Winn: Two weeks with a Kindle 3



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