Schon wieder so ein Aufreger: Da hat es doch tatsächlich die Frankfurter Rundschau gewagt, jemanden prominent zu Wort kommen zu lassen, der die PiratInnen.oO(und zwar alle, jedeN einzelneN persönlich!) nicht mag:
[…] Deren Anliegen betreffen die ungehinderte Nutzung des World Wide Web, jener globalen Informationsmaschine, die unser Leben verändert hat. Aber es geht um mehr als dieses Universum unnützen Wissens, in dem niemand Geld verdient außer der Porno-Industrie, die uns listenreich mit ihrem Müll versorgt. Es geht um etwas sehr Fundamentales und Hochumstrittenes zugleich, das Privateigentum. […]
Was erlauben die Frankfurter Rundschau, da unkommentiert in einer Kolumne jemanden zu Wort kommen zu lassen, der meint, [wer] Freiheit und Sozialismus [wolle, müsse] Privateigentum und Wettbewerb wollen. […] Sonst ist das Netz nur noch eine Piratensee, sprich ein Meer des Unrechts. […].
Mal davon abgesehen, dass er durchaus valide Punkte wie ein wirtschaftliches Interesse am sogenannten geistigen Eigentum hat, hat er natürlich teilweise auch unrecht.
Aber daraus dann zu folgern, man müsse jetzt die ganze FR unernstnehmen zeugte – wäre es nicht einfach unreflektiert dahingeschrieben – von einem totalitären Gemeinschaftsverständnis. Wer darf denn dann noch was sagen? Nur noch die, die bei der Piraten-Einheitspartei-Zensurbehörde nachgefragt haben, ob ihre Meinung gefällig ist?
Ob wir es wollen oder nicht, wir leben in einer Gesellschaft, in der verschiedene Menschen verschiedene Meinungen haben. Und mit Glück lesen wir Medien, die auch mal dem sinnfreien Geschreibsel an prominenter Stelle Öffentlichkeit einräumen. Dadurch kommt es dann vielleicht mal zu einer Diskussion. Oder man merkt, was andere Leute so denken und wo man seine eigene Argumentation und Öffentlichkeitsarbeit vielleicht noch verbessern kann.
Offensichtlich kommen Themen, die PiratInnen als Piratenthemen bezeichnen.oO(und andere als Netzthemen) in der Öffentlichkeit teilweise falsch an.
Entweder Meinungsfreiheit und Meinungspluralitätvielfalt oder Totalitarismus.
Spätestens seit Michael Jacksons Tod dürften viele Leute auf ein Phänomen aufmerksam geworden sein, das seit einiger Zeit um sich greift: Flash mob Dancing.
Flash mobs, bei denen sich professionelle oder Hobby-Tänzerinnen und Tänzer zum Tanzen verabreden. Da fallen dann mehrere Hundert Leute mit Puffhosen in einem Einkaufszentrum ein und tanzen zu "Can't touch this".
Oder aber man verabredet sich gleich zu Hunderten auf Stockholms Sergels Torg und tanzt zu "Billy Jean".
Das verbindet dann auf extrem coole Weise gleich eine ganze Hand voll Elemente der individualistischen Popkultur:
Songs wie "Can't touch this" - zumindest aber "Billy Jean" sind Bestandteil eines weltweiten Pop-Kulturguts. Auf legale oder illegale Weise steht dieses auch jedem zur Verfügung, der mittels Computer und Internetzugang oder USB-Stick darauf zugreifen kann. Deswegen funktionieren die Flash mobs dann auch einfach.
Jeder versteht das "Samplen" der Musik für darauf aufbauende Kunst als Hommage an die bekannten Künstler.
Das ganze Werk wird dann vielfach audiovisuell aufgezeichnet und ohne einen Gedanken an EMI, Sony oder die Erben der Copyrights und Urheberrechte zu verschwenden, ins Netz gestellt und weiterverbreitet.
Youtube und andere kommerzielle Portale zahlen im Zweifelsfall entsprechende Vergütungen an die RechteinhaberInnen, bei der Verbreitung über private Websites, P2P oder ähnliches gehen die Rechteinhaber leer aus.
Ich nehme auch an, dass sie keinen Moment lang ernsthaft daran denken, für die Nutzung des entsprechenden Samples Gebühren zu verlangen. Weder von denjenigen, die mitten in der Öffentlichkeit das Sample öffentlich vorgeführt haben noch von denen, die die Aufzeichnungen davon privat weiterverbreitet haben.
Moralisch ist die Sache doch auch eindeutig: Es besteht kein Zweifel daran, dass auf Kulturgut aufgebaut wird, niemand schwingt sich zum Urheber auf und beansprucht für sich die Rechte an Dingen, die ohnehin allen gehören: Das Popkulturgut, die Idee von Flashmobs, die Idee, in Gruppen zu tanzen, die Idee, das zu choreographieren, aufzuzeichnen und weiterzuverbreiten - alles Allgemeingut. Niemand verliert, alle profitieren.
Moment, alle? Nein. Nicht alle. Dem kleinen gallischen Dorf "Musikindustrie" ist der Zaubertrank ausgegangen und jetzt versucht es verzweifelt, seine Existenzberechtigung aufrechtzuerhalten.
Ganz verkürzt gesagt: Lasst sie doch. Vermarktung, Tourneen, Neuentdeckungen und Weltstars die Hotelzimmer besorgen müssen irgendwelche Leute machen. Ob das jetzt Konzerne machen oder Netlabels, es bleibt eine gewisse Notwendigkeit für die.
Der Ausweg heisst nicht Schulhöfe kriminalisieren und Popkultur von Anno Dazumal konservieren sondern "Kulturflatrate" und ein deutsches Pendant für "Fair Use".
Die Schlussfolgerung ist zwingend. Die weitere Schlussfolgerung ist für mich "Piratenpartei wählen", aber das überlasse ich euch. Kann man ja auch etwas lockerer auslegen und "Piraten wählen" gehen - egal in welcher Partei (solang die das auch so meinen).
Herr bleed (Sascha Kösch) schreibt in der De:Bug (die ich schätze wenngleich viel zu selten konsumiere) unter dem Titel Wahlspot Dilemma, dass er die Piratenpartei nicht wählen könne, selbst wenn er wollte.
Er begründet die Entscheidung mit der Wahl der Hintergrundmusik für den freien Piratenspot freie Lizenzen und Überwachung:
.oO(mein erstes Video in nem Blogeintrag)
Die besteht nämlich - das wusste ich gar nicht, als ich den Spot vor einigen Wochen das erste Mal sah - aus Samples aus Disney's Mary Poppins. Zusammengefrickelt (upgemasht) hat das POGO, der anscheinend aus Australien kommt.
Fragt meinen last.fm-Account und ihr wisst, dass ich finde, dass Mash Ups zu den größten künstlerischen Leistungen der Internetpopkultur gehören.
Herr bleed hat natürlich Recht. Mit dem Urheberrecht und dem Copyright gehen nämlich Mash Ups praktisch überhaupt nicht. Esseidenn man hat das Glück, schon bekannt genug zu sein, um das Geld zu haben, die Lizenzen für die Samples einzukaufen.
Mash Ups verlinken geht also gar nicht, weil verlinken weiterverbreiten ist und das auch noch kommerziell im Rahmen dieser Internetpräsenz. Nur gut, dass ich nur zitiere und mich kritisch damit auseinandersetze. Vonwegen rechtsfrei - argh.
Aber Herr bleed hat Unrecht damit, dass er deswegen nicht Piraten wählen sollte. Und er liefert die Begründung gleich mit: Fair Use gibt es im deutschen Urheberrecht praktisch nicht. Das heisst aber nicht, dass es sie nicht geben sollte.
Das dreiste bis unverfrorene Samplen von beliebigen Materialien ist doch eine der coolsten Errungenschaften, die das Web zu bieten hat. JedeR kann mitmachen. Alle können zugucken und mitnicken. Was machen, worauf die Konzerne nicht kommen. Das ist doch alles nichts neues mehr. Deswegen kann man doch nicht Piraten nicht wählen.
Natürlich müssen die Piraten sich an Gesetze halten und können den Spot nicht ohne die entsprechenden Lizenzen an verwendeten Samples verbreiten. Und sicher gibt es einige PiratInnen, die das nicht blicken. Aber da blicken es überhaupt welche.
Seit letztem Jahr, als der Eintrag Von offenen Blogs und Urheberrechten bei Herrn Vetter erschien, brennt es mir unter den Nägeln, was dazu zu machen, dass er schreibt: Es gibt [..] keinen gutgläubigen Erwerb von nicht vorhandenen Nutzungsrechten.
Und das werd' ich demnächst auch tun! Ganz bestimmt! ;)
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